Die Stimme der Abwesenden - Gedanken der Künstlerin - Seite 2

Dichtung, Lied und Erinnerung

Inspiriert ist das Mahnmal von zwei Werken: der Dichtung von Bronisława Wajs, genannt Papusza, insbesondere „Blutige Tränen“, und dem Romanes-Lied der Erinnerung an Auschwitz, bekannt als „Aušvicate hi kher báro“. Beide erzählen vom Leid der Sinti und Roma-Gemeinschaften, vom Verlust geliebter Menschen, von der Sehnsucht nach Heimat und von einer durch Verfolgung und Gewalt zerstörten Welt. Ihre Stimme wurde für mich zum Ausgangspunkt eines künstlerischen Erinnerungsraums, in dem WorBild5t und Lied in die Sprache von Architektur, Symbol und Bild übersetzt werden.

In „Blutige Tränen“ und im Lied von Auschwitz finde ich eine Erzählung von Schmerz, die über die individuelle Erfahrung hinausgeht: das Zeugnis des Leidens ganzer Gemeinschaften und die Erinnerung daran, dass hinter den historischen Zahlen konkrete Menschen, Familien, Beziehungen und abgebrochene Geschichten stehen. Diese Werke sind für mich eine Metapher. Sie machen die emotionale Dimension des Völkermords zugänglich.

Ein wichtiges Element des Mahnmals sind die schwarzen Vögel, inspiriert von den Bildern des Liedes von Auschwitz. Ihre Gegenwart ist symbolisch: Die Vögel tragen noch immer Nachricht von denen, die ermordet

wurden. Sie werden zu Boten der Erinnerung, die die Geschichte an die nächsten Generationen weitergeben. Ihre Stimmen lassen die Erzählung vom Völkermord nicht verstummen. Sie erheben sich über Zeit und Grenzen und erinnern daran, dass Erinnerung nicht nur der Vergangenheit gehört – sie bleibt unsere Verpflichtung gegenüber Gegenwart und Zukunft.

Die Bäume des Mahnmals sind eine Zuflucht für die Seelen der ermordeten Sinti und Roma. Sie stehen für Schutz, Beständigkeit und die Verbindung zur Natur. Sie werden zu einem gedModell2achten Ort der Ruhe für jene, denen Zuhause, Angehörige und die Möglichkeit weiterzuleben genommen wurden. In ihrem Schatten kann verlorene Gegenwart wachgerufen werden. Der Wald ist mehr als eine Zuflucht. Er ist ein Ort, an dem Bruchstücke von Erinnerung und Menschlichkeit verborgen bleiben, Fragmente der Geschichte und Spuren von Leben, die nicht gerettet werden konnten – ein Raum des unhörbaren Liedes, der Stimme derer, die ihre Geschichte nicht mehr selbst erzählen können und deren Erfahrung doch gehört werden will. Ich möchte, dass diese Stimme durch das Mahnmal erklingt, damit das, was jahrelang unsichtbar blieb oder verschwiegen wurde, Teil unseres gemeinsamen Bewusstseins wird.

Die Figuren sind symbolisch. Sie sind keine Porträts bestimmter Personen, sondern rufen deren Gegenwart als Schatten, Silhouetten und Bilder der Seelen von Menschen wach, die nicht vergessen werden dürfen. Sie sind Spuren abgebrochenen Lebens, Erinnerungen an die einzelnen Schicksale hinter der kollektiven Erfahrung des Völkermords. Durch sie bleibt die Geschichte kein abstraktes Ereignis – sie wird zur Erzählung vom Menschen, von seiner Würde, seinem Leid und einem unwiederbringlichen Verlust.